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Brauchtum

 


Tracht

Gottscheer Brauchtum und Volksglaube
von Richard Wolfram Wien 1980
Die vier Großkapitel über Fasching, Ostern, Sonnwend und Weihnachten stellen den Gang des Jahres in seinen entscheiden den Abschnitten dar, sie enthalten auch die Hauptmasse der Bräuche. Dazwischen bleibi jedoch ein beträchtlicher Rest, auch wenn einiges an die Hauptkapitel angeschlossen wurde, wie etwa Allerheiligen‑Allerseelen an das Totenbrauchtum .

Ergänzen müssen wir jedoch vor allem im Frühjahr. Die folgende knappe Aufzählung will die Lücken zu schließen suchen.Nach dem alten Kalender bezeichnete Gregori (12. März) das Winterende und den Beginn der Frühlingsarbeit. Die Frühlings‑Tag­und Nachtgleiche ist auch schon herangerückt. In der Gottschee war Gregori mit einem reizenden Orakel verknüpft. Es heißt, zu Gregori halten die Vögel Hochzeit. Für sie stellte an diesem Tage der Großvater in der Familie eines meiner Gewährsleute aus Lichtenbach Most auf einen Tisch im Garten, In Merleinsraut und Suchen gab man am Morgen dieses Tages acht, ob man zwei Vögel beisammen sah. Ein solches Paar würde bedeuten, daß man selbst auch in diesem Jahre zum Heiraten käme. Die Stockendorfer Buben waren auf anderes aus. Sie warfen ein Stück Holz über das Hausdach. Gelang der Wurf, hatte man Glück mit dem Finden von Vogelnestern. Geschehen mußte das aber vor Sonnenaufgang in der schon beim hochzeitlichen Baumbeten besprochenen mystischen Zwischenzeit.

Mit Ostern wendet sich das Jahr mit Riesenschritten dem Frühling zu und damit nicht nur neuer Arbeit, sondern auch vieler Freude und Fröhlichkeit. Das gibt sich im deutschen und österreichischen Volksbrauch schon im scherzhaften Aprilschicken kund. Es fehlte auch in der Gottschee nicht und ein Harmloser konnte leicht damit beauftragt werden, Vogelmilch zu holen oder einen linken Bohrer.

Ein alter Zeitpunkt des Frühlingsanfanges war Georgi (24. April). Mit ihm beginnt das Weidejahr, das bis Martini dauert, in der Gottschee war er auch der alte Termin des Dienstbotenwechsels, der später durch den Stephanstag ersetzt wurde. Vom „Juretag" an galt die Erde nicht mehr als giftig, die Kinder konnten von nun an unbesorgt barfuß laufen (Schalkendorf, Stockendorf). Die Ochsen hatten Feiertag und wurden an diesem Tage nicht eingespannt (Komutzen).

Von den Hexen war in der Gottschee unglaublich viel die Rede. Kein Gewährsmann, der nicht mit Beispielen zur Hand gewesen wäre und die Geschichten ergäben ein eigenes, langes Kapitel. Auch der Luftritt der Hexen fehlte nicht. Als Blocksberg galt der unweit der Sprachinsel im Kroatischen gelegene und absonderlich geformte Kleck, sie hatten aber auch andere Versammlungs‑ und Tanzplätze. Soviel ich sehen kann, heftete sich in der Gottschee der Glaube an ihre besondere Fest‑ und Schwarmzeit nicht in gleicher Weise wie anderswo an die Walpurgisnacht. Merkwürdigerweise hieß es, daß sie am Oster‑ und Pfingstsonntag frühmorgens herumgehen und es gab den Glauben an das Hexenstühlchen, mit dessen Hilfe man sie bei der Weihnachtsmette erkennen konnte.

Hingegen war der Vorabend des 1. Mai von anderer Tätigkeit erfüllt. Es waren die Burschen, welche den Maibaum zu holen und aufzustellen hatten. Stellvertretend für viele ähnliche Berichte führe ich die Schilderung aus Rieg an:

„Den Maibaum hat man gewöhnlich (aus dem Wald) gestohlen. Einmal haben sie einen 40 m hohen Baum gestohlen, da hat man zu tun gehabt, daß man ihn in die Höhe gebracht hat. Am 30. April nach dem Mittagessen sind sie in den Wald. Ein paar sind fort und haben ihn schnell umgeschnitten und abgeschält, einige sind mit den Rössern nachgekommen. Er wurde aufgeladen und wenn er auf der Straße war, dann war er schon unser. Am Dorfplatz haben sie ihn abgeladen. Die einen haben schon das Loch gegraben am Nachmittag. Zur Bekränzung haben sie eine schwarz‑rot‑goldene Fahne hinauf und dann sind sie zu den Mädeln gegangen. Jedes hat a Tüchl geben müssen und die sind hinaufgebunden worden. Das Aufstellen hat um 7 Uhr abends angefangen, bis er gestanden ist, war es manchesmal schon zwölfe. Bei so einem großen Baum haben wir 5‑6 Stunden gebraucht. Beim Aufstellen haben immer ein paar Liter Wein da sein müssen und ein Musikant auch, er ist immer mit Musik aufgestellt worden. Da ist auch ein Mailied gesungen worden und beim Umschmeißen des Baumes am Monatsende ein Abschiedslied vom Mai. Die ganze Ortschaft hat beim Aufstellen zugeschaut, alles hat geholfen, auch die Mädel, sie haben Zangen gemacht und Böcke. Die Schulerbuben haben dann probiert, hinaufzukrallen. Am 31. Mai ist er niedergelegt worden und in 4 m lange Klötze geschnitten. Das wurde dann versteigert und der Erlös vertrunken. Die Mädel wurden dazu eingeladen, es gab eine Unterhaltung und Tanz. Hie und da haben sie auch zu Sonnwend Bäume aufgestellt, die sind aber 3 Monate gestanden, vom 23. Juni bis September. Das war in Rieg aber nur einige Male."

Damit ist eine merkwürdige Spaltung der Termine in der Gottschee berührt. Dort war der Baum am 1. Mai keineswegs das allein Übliche. Ebensoviele Ortschaften errichteten ihn erst zu Sonnwend, ja es gab sogar Dörfer, in denen zweimal Bäume aufgestellt wurden, zum 1. Mai und neuerlich zu Sonnwend. Schließlich gab es auch zu Kirchweih da und dort Bäume. Über dies alles unterrichtet genauer der Maibaumabschnitt im folgenden Kapitel über die Sonnwendbräuche.

Ein Ort mit beiden Maibaumterminen war z. B. Koflern. „Manchmal haben sie 3 Moie aufgestellt (an verschiedenen Stellen). Die ,Zechmänner`, die unverheirateten Jungmänner, haben sizh verabredet, wieviel Moie sie setzen, auch zu einem Mädchen. Die Bäume waren 25‑28 m hoch. Tüchln und grüne Kränze kamen hinauf."

Nicht immer war das Aufstellen eine öffentliche Angelegenheit, vor allem da, wo der Baum eine Überraschung bildete. In Lienfeld und Grafenfeld wurde der Baum in der Mainacht vor dem Hause des beliebtesten Mädchens aufgestellt. „Das mußte still geschehen, so daß das Mädchen erst in der Früh gesehen hat, daß der Baum bei ihr steht und es war immer spannend, wer ihn bekommen wird. Beim Umlegen mußte sie dann ein Faß Bier zahlen oder 10 Liter Wein. Und sie hat Pobolitzen gemacht, die sind wie ein Rahmstrudel, aber noch fetter, oder Scharteln, das ist ein Rosinenguglhupf. Außerdem stand bei der Kirche noch ein Baum." In Altlag machten die Mädchen für den Dorfbaum die Girlanden und Kränze. Nach dem Umschneiden wurden die von den Mädchen gespendeten Tücher, die am Wipfel hingen, unter den Burschen verteilt. Natürlich war der Maibaum auch gefährdet, da Burschen aus der Nachbarschaft ihn umzuschneiden versuchten. Daher mußte er am Anfang auch bewacht werden.

„Zu Floriani (4. Mai) hat der Schmied Feiertag gehabt. Da hat er keinen Hammer gehoben, um die Welt nicht, er mußte den Feiertag halten, sonst brennt er ab" (Komutzen).

Auf die „Bittage" der Christi‑Himmelfahrtswoche mit ihren Prozessionen zu den Filial‑ und Nachbarkirchen wurde bereits im Kapitel über das Ackersegnen hingewiesen. Hier sei nur nochmals betont, daß Himmelfahrt ein bedeutendes Datum des FrühlingsFestkalenders war. „In alten Zeiten hat sich das Jungvolk zu Himmelfahrt festlich ange zogen, die Mädel weiß, die waren ganz gekrönt und haben einen Kranz getragen, die Burschen lodene Joppen" (Gehag bei Tschermoschnitz).

An das Pfingstfest knüpften sich verschiedene Bräuche und Vorstellungen, einige von ihnen sichtlich übertragen von anderen Festen. In Hohenegg ging man zu Mitternacht auf den Annaberg und betete, in der Ortschaft wurde mit Böllern geschossen. Auch in Verdreng begrüßte man den Tag damit, daß man seinen Anbruch auf einem Berg erwartete. Dort sangen sie das Lied „Bin wria fischt äuf der Shüntog (Sonntag), der Eiabe, heilige Shüntog, do fischt Gott begegnet". An den Sonnenaufgang knüpfte sich zu Pfingsten ebenso wie am Ostermorgen der Glaube, daß die Sonne bei ihrem Erscheinen tanze. „Man sieht wie sich die Scheibe dreht, gleich wie sie aufsteigt. Sie tut es sonst schon auch, aber man kann es nicht sehen" (Göttenitz). Auch Grafenfeld, Altlag und Nesseltal berichten vom Tanz der aufgehenden Sonne sowohl am Ostermorgen wie am Pfingstmorgen. Mit dem Ostersonntag hat Pfingsten ferner gemeinsam, daß da die Hexen unterwegs sind (Gehag bei Tschermoschnitz). Hingegen stimmt das sonst in der Sonnwendnacht übliche Orakel, einen Blumenstrauß auf das Dach zu werfen und aus seiner Lage auf künftige Ereignisse zu schließen, im Hinterland mit Pfingsten überein. Das schützende Hegen der Flur geschieht vielfach in der Osternacht, in Morobitz aber zu Pfingsten. Die ganze Gemarkung wird vor Sonnenaufgang ‑ immer wieder diese besondere Übergangszeit ‑ im Sinne des Sonnenlaufes umschrillen. Dabei wird eine österliche Palmrute nachgezogen, also ein richtiger Schutzkreis. An fünf Stellen dieses Kreises vergrub man geweihte Ostereier in der Erde, „dann kann kein Hagel hinein in die Felder". Man sieht, wie die Bräuche einander terminmäßig durchdringen.

Die große Prozession zu Fronleichnam, dem „Himmeltag", erforderte wieder viele Vorbereitungen. Bei ihr wird wieder die Siedlung umkreist. Es galt, den Prozessionsweg zu schmücken und bei den vier Stationen, bei denen zwei Evangelien und Fürbitten in deutscher und zwei in lateinischer Sprache gesungen wurden, Birkenbäumchen aufzustellen. „Am Quatembersonntag vor Himmeltuge sind die Burschen und Mädel zusammengekommen und haben den ,Schein` von der Fahne (Kreuz) bekränzt und ein kleines Fest veranstaltet. Es wurde bestimmt, wer tragen wird. Das älteste Mädel trägt den Schein nach Haus. Der Kranz bleibt oben bis zum Herbst. Zu Fronleichnam hat man bei der Prozession einen Kranz um die Hand aus Peterschlüssel, Himmelschlüssel und anderen Feldblumen. Den Kranz hat man später bei Krankheiten zum Räuchern genommen. Gegen das schlechte Wetter hat man Astfan von den Birken bei den Evangelien unter das Dach gesteckt" (Mösel). „Für die Kirchenfahne hat man am Abend vor Fronleichnam grüne Kränzlein geflochten und hinaufgetan. Wenn ein kleines Kind die Fras hat, muß man von diesem Kranz etwas kochen und anschmieren, dann vergeht die Fras (Fraisen). Die Burschen sind in der Prozession mit der Fahne gegangen und alle sind dorfweise gegangen, die von den weitesten Dörfern zuerst. Sie haben gesungen und Rosenkranz gebetet" (Koffern). „Zum Himmeltuge hat jedes ein Kranzl aus Blumen geflochten, die Kinder, oder a Körbl, und die Blumen aufgehoben und gegen Gewitter angezündet" (Neugereut bei Unterlag). „Es waren bestimmte Blumen, die einem in der Heilkunde auch begegnen, der gelbe Klee usf. Das hilft wirklich" (Ober Mösel). Als geweiht und wirksam galten demnach sowohl die Blumenkränze, wie die von den Schmuckbäumchen abgerissenen Aste. Dabei bedurfte es zur vollen Wirksamkeit Aste von allen vier Stationen. Auf dem Dachboden aufgesteckt dienten sie als Dauerschutz gegen Unwetter, außerdem verbrannte man etwas von ihnen im akuten Falle bei Gewittern. Zusätzlich entzündete man dabei auch eine Kerze. „Machst du nicht Licht, so machen wir Licht", hieß es in Alttag. Die Blumen hingegen verwendete man als Heilmittel, vor allem „rauchte" man kranke Kinder damit, wie das im Kapitel über den Lebensanfang schon beschrieben wurde. Vom Räuchern mit Fronleichnamsblumen habe ich Nachrichten aus Mösel, Rieg, Göttenitz, Graflinden ‑ hier gegen Kopfschmerzen Pöllandl, Masern, Tappelwerch, Stockendorf, Koflern und Merleinsraut; am letzteren Orte als Hilfe bei Erkältungen.

Eine spätsommerliche Zeitspanne wird noch von besonderen Glaubensvorstellungen begleitet, es ist die Zeit zwischen den sogenannten „Frautagen" (15. August und B. September). Wobei der 15. August als der „große Frautag" gilt. Seine Wichtigkeit erhellt auch daraus, daß an ihm nach 3 Uhr kein Wagen mehr hinein darf, sie werden vorher abgestellt (Masereben). Im Kapitel über das Singen in der Gottschee ist schon erwähnt, daß die Burschen in der Nacht vor dem 15. August auf den Äckern zusammenkommen, ein Feuer machen und essen und trinken. Die Mädchen kommen um 3 Uhr morgens dazu, nachdem sie zuerst die Kirche besucht hatten. Sie bleiben bis zum Morgen beisammen und singen, zuerst Fraulieder, dann auch weltliche Lieder (Rußbach bei Tschermoschnitz).

„Am großen und kleinen Frautag beißen die Schlangen am giftigsten", heißt es außerdem. „Da gehen sie auch die Stauden hinauf. Man nimmt Skorpionöl gegen Schlangenbiß" (Ebenthal). Einer auch bei uns geltenden Regel folgt die Gottschee, wenn es dort heißt: „Zwischen den zwei Frautagen muß man die Gesundheitskräuter sammeln" (Pöllandl). Gleichfalls mit österreichischem Glauben übereinstimmend ist auch die Aussage, daß sich die zwischen den Frautagen gelegten Eier besonders lange halten, bis Weihnachten oder den ganzen Winter. Man nimmt sie zum Einlegen.

Zum Abschluß sei noch auf die Kirchweihfeste hingewiesen. In den Filialkirchen wurden dabei nach der Messe die Spenden der Dorfbewohner entgegengenommen, Butter, Eier, Geselchtes, Korn. Die Gaben wurden verlizitiert und der Erlös floß der Kirche bzw. dem Pfarrer zu

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